Der Österreichische Betonpreises 2025 ist vergeben, die Jury hat gewählt. Doch nach welchen Kriterien wurde bewertet? Welche Herausforderungen sieht die Fachwelt für die Zukunft des Bauens? Und warum bleibt Beton dabei ein zentraler Baustoff? Antworten geben Anja Fischer, Architektin und Juryvorsitzende, Arian Lehner, Chefredakteur des Fachmagazins „Architektur aktuell“, und Markus Stumvoll, Präsident des Güteverbands Transportbeton und Geschäftsführer von Rohrdorfer Baustoffe Austria.
Warum verdient Beton einen eigenen Architektur- und Nachhaltigkeitspreis?
Markus Stumvoll: Aufgrund seiner Eigenschaften ist Beton der mit Abstand weltweit am häufigsten verwendete Baustoff. Er ist frei formbar, der langlebigste Baustoff, es sind hohe Festigkeiten und damit schlanke Konstruktionen möglich, er ist fürs Bauen im Untergrund, in die Tiefe, ebenso gut geeignet wie fürs Bauen in die Höhe – und damit ideal für geringen Flächenverbrauch.
Anja Fischer: Beton ist mittlerweile zu einem der wichtigsten Baustoffe in der Baubranche geworden, somit ist ein eigener Preis durchaus gerechtfertigt.
Arian Lehner: Beton ist seit Jahrhunderten ein prägender Werkstoff der Architektur. Gerade deshalb verdient er es, im Hinblick auf die Anforderungen der Zukunft neu gedacht und weiterentwickelt zu werden – sowohl gestalterisch als auch im Sinne der Nachhaltigkeit.
Welche Kriterien waren für Sie bei der Auswahl der prämierten Projekte am wichtigsten?
Anja Fischer: Heutzutage führt kein Weg mehr an Klimaschutz und Nachhaltigkeit vorbei, daher sind diese Kriterien neben guter Architektur immer mitzuberücksichtigen.
Arian Lehner: Besonders wichtig war mir, Projekte auszuwählen, die das Potenzial von Beton auf exemplarische Weise ausloten – dort, wo der Baustoff nicht nur funktional überzeugt, sondern auch gestalterisch oder energetisch die beste Lösung darstellt.
Markus Stumvoll: Für mich zählten vor allem der Wert des Bauwerks für die Gesellschaft, der Beitrag zur Dekarbonisierung der Gesellschaft, die persönliche Bewertung des Designs und der Beitrag der Bauweise zur Reduktion des Flächenverbrauchs.
Hat Sie eines der eingereichten Projekte besonders überrascht und wenn ja – warum?
Anja Fischer: Die breite Vielfalt von verschiedensten Bauten mit Beton hat mich besonders positiv überrascht bei den eingereichten Projekten.
Markus Stumvoll: Mich hat kein Projekt besonders überrascht, aber es hat mich sehr gefreut, dass so viele Projekte eingereicht wurden und durchaus viele die dekarbonisierenden Eigenschaften von Beton in der Nutzungsphase des Bauwerks – Stichwort heizen und kühlen – schon nützen!
Beim Österreichischen Betonpreises 2025 wurden Projekte in den Kategorien Revitalisierung, Bildungs- und Verwaltungsbau und Wohnbau prämiert. Warum setzen Architekten und Bauherren gerade bei diesen Bauaufgaben auf den Baustoff Beton?
Markus Stumvoll: Planende und Ausführende setzen auf Beton, weil die Vorzüge gesehen, erkannt und genutzt werden.
Arian Lehner: In diesen Kategorien erweist sich Beton oft auch als die richtige Wahl – andere Materialien hätten in diesen Fällen nicht dieselbe Wirkung oder Effizienz erzielt. Die prämierten Projekte zeigen, dass Beton – gezielt und behutsam eingesetzt – einen besonderen Mehrwert schaffen kann.
Welche Rolle spielt der Baustoff aus Ihrer Sicht beim klimafitten Bauen?
Markus Stumvoll: Eine ganz wichtige Rolle! Die dekarbonisierenden Eigenschaften in der Nutzungsphase des Bauwerks liefern schon jetzt einen sehr wichtigen Beitrag zum klimafitten Bauen. Durch die großen Anstrengungen der Zement- und Betonbranche konnten die CO2– Gehalte von Beton in den letzten Jahren bereits um 30–40 % reduziert werden, wie auch die neue Ausschreibungsgrundlage der GWP Klassen (ÖBV Merkblatt) belegt. Durch die weiter geplante Reduktion von CO2 von Beton in der Herstellungsphase des Bauwerks wird der Baustoff Beton noch zusätzlich an Bedeutung gewinnen.
Anja Fischer: Beton ist zudem langlebig, kann recycelt werden und mit wenig Material kann große statische Wirkung erzielt werden.
Arian Lehner: Wie bei jedem anderen Baustoff liegt auch beim Beton die Herausforderung darin, ihn verantwortungsvoll und zukunftsfähig einzusetzen. Es braucht intelligente Strategien im Umgang mit Ressourcen, um Beton als nachhaltige Bauweise zu entwickeln.
Worin sehen Sie die größte Herausforderung und was die größte Chance für die Bauwirtschaft in den nächsten 15 Jahren?
Markus Stumvoll: Eine der größten Herausforderungen ist sicher der Fachkräftemangel, der sich verstärken wird, wenn die Baby Boomer Generation in Pension geht. Wie kann es gelingen, den Bauberuf noch interessanter, spannender zu machen? Neben der Verbesserung von Rahmenbedingungen ist es meines Erachtens wichtig, Bewusstsein zu schaffen, dass Bauen die Schaffung von etwas Neuem ist und mit Bauen ein wichtiger Beitrag zur Dekarbonisierung der Gesellschaft geleistet werden kann. Die größte Chance liegt im Beitrag von neuen und sanierten Bauwerken zur Dekarbonisierung der Gesellschaft. Denn neue und sanierte Gebäude benötigen im Betrieb nahezu keine fossilen Brennstoffe mehr.
Arian Lehner: Die größte Herausforderung – und zugleich Chance – liegt in der konsequenten Wiederverwertung von Baumaterialien. Bestehende Bausubstanz weiter zu nutzen oder abgetragenes Material in neuer Form wiederzuverwenden, ermöglicht eine nahezu endlose Transformation bei minimalem Abfallaufkommen. Genau darin liegt ein zukunftsweisender Schlüssel für ressourcenschonendes Bauen.