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© Herta Hurnaus

Thermische Bauteilaktivierung: Wie Beton unsere Gebäude warm und kühl hält – ohne Klimaanlage, ohne fossile Energie

Ein Sommer, der zum Umdenken zwingt

Der Sommer 2026 hat in Österreich Maßstäbe gesetzt, die noch vor wenigen Jahren undenkbar schienen. Am 5. August wurden laut GeoSphere Austria in Bad Deutsch-Altenburg 41,2 Grad Celsius gemessen – die höchste jemals in Österreich registrierte Temperatur. Nur einen Tag zuvor war in Wien mit 41,0 Grad bereits der bisherige Allzeitrekord aus dem Jahr 2013 gefallen. Zwei Höchstwerte innerhalb von 24 Stunden sind kein Zufall, sondern ein klares Signal dafür, wie schnell sich die klimatischen Rahmenbedingungen verändern, unter denen wir bauen, wohnen und arbeiten.

Wiederkehrende Hitzewellen stellen den gesamten Gebäudesektor vor die Frage, wie wir Wohnungen, Büros, Schulen und Pflegeeinrichtungen auch bei Extremtemperaturen kühl halten. Möglichst ohne dabei den Stromverbrauch für Klimaanlagen unkontrolliert in die Höhe zu treiben und ohne mit deren Abwärme die ohnehin schon aufgeheizten Innenhöfe und Straßenschluchten unserer Städte noch mehr zu belasten. Klassische Klimaanlagen sind zwar schnell installiert, lösen aber das Problem nur scheinbar. Denn sie verlagern Wärme aus dem Innenraum nach außen, verbrauchen dabei erhebliche Mengen an Strom und tragen so aktiv zum städtischen Hitzeinsel-Effekt bei.

Eine Lösung für dieses Dilemma bietet die thermische Bauteilaktivierung. Eine bewährte Technologie, die angesichts der aktuellen Entwicklungen eine völlig neue Relevanz gewinnt.

Was ist thermische Bauteilaktivierung?

Die Grundidee ist bestechend einfach und zugleich physikalisch elegant. In Betondecken oder -böden werden bereits während der Bauphase Rohrleitungen verlegt, die zusammen mit der Bewehrung einbetoniert werden. Durch diese Leitungen zirkuliert später, im Betrieb des Gebäudes, temperiertes Wasser. Der Beton wirkt dabei wie ein riesiger Wärmespeicher. Er nimmt die Wärme oder Kälte aus dem zirkulierenden Wasser auf, verteilt sie gleichmäßig in seiner Masse und gibt sie zeitversetzt und gleichmäßig an den Raum ab.

Der Vorteil: Anders als ein Heizkörper oder ein Klimaanlagen-Gebläse, die unmittelbar und punktuell auf Temperaturänderungen reagieren, arbeitet die Bauteilaktivierung mit der thermischen Trägheit des Materials. Die besondere Speicherfähigkeit einer aktivierten Betondecke puffert Temperaturspitzen ab, statt sie eins zu eins in den Raum abzugeben. Im Winter erzeugt das eine angenehm gleichmäßige Wärme, ohne die typischen Auf und Abs klassischer Heizsysteme. Im Sommer nimmt die Decke tagsüber überschüssige Wärme aus dem Raum auf und gibt sie – etwa über Nachtluft, Grundwasser oder Erdsonden – wieder an die Umgebung ab, bevor der nächste heiße Tag beginnt.

Kombination mit Erneuerbaren

Ein weiterer Vorteil der Bauteilaktivierung liegt in den niedrigen Vorlauftemperaturen. Weil die aktivierte Fläche – meist die gesamte Decke oder der gesamte Boden eines Raumes – viel größer ist als ein einzelner Heizkörper, genügen für die Beheizung deutlich tiefere Temperaturen als bei klassischen Radiatoren. Für die Kühlung gilt das Umgekehrte: Es reichen vergleichsweise „milde“ Kühltemperaturen, wie sie etwa aus Grundwasser, Erdsonden oder auch einfach aus kühler Nachtluft gewonnen werden können. Diese Eigenschaft macht Bauteilaktivierung zum idealen Partner für erneuerbare Energiequellen: Erdwärme, Sonnenenergie und Windstrom lassen sich damit besonders effizient nutzen, weil das System keine großen Temperatursprünge erfordert.

Das Ergebnis ist ein Raumklima, das viele Menschen als deutlich angenehmer empfinden als das einer klassischen Klimaanlage: lautlos, ohne spürbare Zugluft, ohne die typischen kalten Luftschwaden, die bei Split-Klimageräten direkt unter der Anlage entstehen.

Warum funktioniert das System am besten mit Beton?

Dass für dieses Prinzip ausgerechnet Beton der ideale Baustoff ist, liegt an seiner Trägheit. Beton hat eine hohe Rohdichte und eine vergleichsweise hohe spezifische Wärmekapazität, wodurch er große Wärmemengen aufnehmen kann, ohne sich dabei selbst rasch zu erhitzen. Genau diese Eigenschaft – die man in der Bauphysik als „thermische Speichermasse“ bezeichnet – ist die Voraussetzung dafür, dass ein Bauteil überhaupt sinnvoll aktiviert werden kann.

Anton Glasmaier, Vorstandsvorsitzender von Beton Dialog Österreich und Geschäftsführer des Verbands Österreichischer Betonfertigteilwerke, bringt es auf den Punkt: „Nur der Baustoff Beton eignet sich mit seiner Speichermasse, Gebäude ganzjährig angenehm zu temperieren. Angesichts immer häufigerer Hitzewellen soll die thermische Bauteilaktivierung zum Standard nicht nur bei allen neuerrichteten Wohnbauten, sondern auch bei Schulen und Kindergärten sowie Senioren- und Pflegeheimen in Österreich werden.“

Warum? Leichtbaukonstruktionen aus Holz oder Stahl mögen in anderen Belangen ihre Vorzüge haben, doch ihnen fehlt die Masse, um als thermischer Puffer zu wirken. Beton hingegen kann diese Zusatzfunktion mit vergleichsweise geringem Mehraufwand zu übernehmen und ist oft ohnehin schon als Rohdecke oder Bodenplatte im Gebäude vorhanden. So übernimmt ein Bauteil, das ohnehin für die Statik gebraucht wird, gleichzeitig die Aufgabe der Temperierung und schafft eine intelligente Doppelnutzung vorhandener Bausubstanz.

Der Energiehunger unserer Gebäude – und warum Kühlung immer wichtiger wird

Laut Oesterreichs Energie entfallen rund 27 Prozent des gesamten österreichischen Endenergieverbrauchs auf den Raumwärmesektor. Das ist ein gewaltiger Hebel für die Energiewende – und einer, bei dem Gebäude, die von Anfang an richtig geplant werden, einen enormen Unterschied machen können.

Bislang lag der Fokus des Energiebedarfs von Gebäuden vor allem auf dem Heizen. Da sich unser Klima aber merklich verändert, rückt der Kühlbedarf immer stärker in den Fokus und wird zunehmend auch zu einer Frage der Gesundheit und der sozialen Gerechtigkeit. Ein Beispiel dafür sind Pflegeheime, in denen ältere Menschen bei Hitzewellen einem erhöhten gesundheitlichen Risiko ausgesetzt sind, und Klassenzimmer, in denen konzentriertes Lernen bei 30 Grad Raumtemperatur kaum mehr möglich ist.

Genau deshalb ruft Beton Dialog Österreich Bauträger, Gemeinden und Planende dazu auf, thermische Bauteilaktivierung von Anfang an einzuplanen.  Ein nachträglicher Einbau ist ungleich aufwendiger und teurer.

Auch der Fördergeber hat die Vorteile der Technologie erkannt: Salzburg gilt als erstes österreichisches Bundesland, das thermische Bauteilaktivierung im mehrgeschossigen Wohnbau in den Förderkriterien berücksichtigt. Auch in anderen Bundesländern lassen sich hohe Standards beim ökologischen Heizen und Kühlen zunehmend in der Wohnbauförderung anrechnen.

Gelebte Praxis: Fünf Projekte, die zeigen, wie es geht

Österreich verfügt bereits über eine Reihe von Vorzeigeprojekten, die eindrucksvoll belegen, wie effizient diese Technologie im großen Maßstab und über verschiedenste Gebäudetypen funktioniert.

Campo Breitenlee, Wien-Donaustadt. Dieses Plusenergiequartier verbindet die thermische Speichermasse von Beton mit einer wetterprognosebasierten Steuerung – das System „weiß“ also bereits im Voraus, ob ein Hitzetag oder eine kühle Nacht bevorsteht, und stellt sich entsprechend ein. Das gesamte Quartier wird zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben. Diese konsequente Umsetzung wurde 2025 mit dem Österreichischen Betonpreis in der Kategorie Wohnbau ausgezeichnet.

Wohnquartier Wientalterrassen, Wien-Penzing. Mit rund 30.000 Quadratmetern und 295 Wohneinheiten zählt dieses Quartier zu den größeren Referenzprojekten des Landes. Geheizt wird über aktivierte Betondecken, im Sommer wird über dasselbe System gekühlt. Beides funktioniert fossilfrei – über Erdsonden, Gehwegkollektoren und die Rückgewinnung von Wärme aus Abwasser, ergänzt durch Photovoltaik. Diese Kombination brachte dem Quartier 2023 den ersten Platz beim Österreichischen Betonpreises ein.

Haus für Senioren Henndorf, Salzburg.

Dieses Seniorenheim kombiniert Bauteilaktivierung mit Geothermie sowie einer eigenen Photovoltaikanlage zur Stromerzeugung – ein Konzept, das die Bewohnerinnen und Bewohner unabhängig von fossiler Energie und volatilen Energiepreisen kühl und warm hält.

Studentenwohnheim Neu Marx, Wien. Hier sorgen Grundwassernutzung, Wärmepumpen und eine dachflächendeckende Photovoltaikanlage gemeinsam mit der Bauteilaktivierung für ein durchgängig fossilfreies Heiz- und Kühlkonzept – ein Modell, das zeigt, wie sich mehrere erneuerbare Technologien sinnvoll zu einem Gesamtsystem verschränken lassen.

Bildungscampus Liselotte Hansen-Schmidt, Seestadt Aspern, Wien. Dieser Bildungscampus nutzt die thermische Bauteilaktivierung der Zwischendecken in Kombination mit mehr als 70 Erdwärmesonden. Das Ergebnis: Das Gebäude wird das ganze Jahr über ausschließlich mit erneuerbarer Energie hocheffizient, CO2-arm und zugleich kostengünstig geheizt und gekühlt – ein Beispiel dafür, dass gerade Bildungseinrichtungen, in denen sich viele Menschen auf engem Raum aufhalten, besonders von diesem Konzept profitieren.

Mehr als nur Technik: Ein Beitrag zur klimafitten Stadt

Der Nutzen der thermischen Bauteilaktivierung erschöpft sich nicht im einzelnen Gebäude. Weil das System ohne laute, abwärmeproduzierende Außengeräte auskommt, trägt es aktiv dazu bei, den städtischen Hitzeinsel-Effekt nicht weiter zu verschärfen – ein Effekt, unter dem gerade dicht bebaute Stadtteile im Sommer besonders leiden.

Auch optisch und akustisch fügt sich die Technologie unauffällig ein: keine Außengeräte an der Fassade, keine sichtbaren Klimakanäle, keine Lüftergeräusche im Raum. Für Architektinnen und Architekten bedeutet das gestalterische Freiheit, für Bewohnerinnen und Bewohner ein ruhiges, zugfreies Raumklima – und für die Umwelt ein energieeffizientes System, das sich hervorragend mit den erneuerbaren Energiequellen kombinieren lässt.

Fazit: Eine Investition, die sich von Anfang an lohnt

Der Hitzesommer 2026 mit seinen historischen Temperaturrekorden ist ein deutliches Warnsignal – und zugleich eine Chance, die richtigen Weichen zu stellen. Thermische Bauteilaktivierung ist keine experimentelle Zukunftstechnologie, sondern ein in zahlreichen österreichischen Projekten bereits vielfach erprobtes, alltagstaugliches Konzept, das die physikalischen Eigenschaften von Beton auf intelligente Weise nutzt, um Gebäude ganzjährig ohne fossile Energie angenehm zu temperieren.

Fünf Vorteile der thermischen Bauteilaktivierung auf einen Blick
  1. Ganzjähriger Komfort aus einem System – heizt im Winter und kühlt im Sommer, ganz ohne separate Klimaanlage.
  2. Niedriger Energiebedarf – dank großer Speicherfläche genügen niedrige Vorlauftemperaturen, ideal für Erdwärme, Solar- und Windenergie.
  3. Lautlos und zugfrei – kein Gebläse, keine Außengeräte, kein kalter Luftzug – spürbar höherer Wohnkomfort.
  4. Klimafreundlich fürs ganze Stadtviertel – keine Abwärme nach außen, dadurch kein Beitrag zum städtischen Hitzeinsel-Effekt.
  5. Kosteneffizient bei richtiger Planung – wird die Aktivierung schon im Rohbau mitgedacht, entstehen kaum Mehrkosten – Nachrüstungen wären deutlich teurer.
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